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Shu Yin Lou hat ausgeträumt

Ein letzter Blick auf ein sterbendes Juwel von Shanghai

Shu Yin Lou – mit über 400 Jahren das älteste Haus der Stadt – ist schon seit längerem nur noch ein Schatten einer selbst. Und doch war es noch immer ein ganz besonderer Moment, wenn man die Gelegenheit bekam, durch das einst herrschaftlichen Anwesen zu wandeln und den Zauber der Stille inmitten der trubeligen Chinesenstadt zu genießen.

1592 kaufte Chen Suoyun, Sohn einer wohlhabenden Gelehrtenfamilie, das Grundstück und ließ von dem berühmten Gartenarchitekten Zhang Nanyang aus Suzhou auf 13.000 qm eine Landschaft aus Pavilions, Teichen und künstlichen Bergen anlegen. Er nannte seinen Garten „Ri She Yuan – Garten der täglichen Begegnung“. Dieser galt zusammen mit dem Yu Garten als einer der großartigsten Gärten der Ming Dynastie.

Mit der Machtübernahme der Mandschuren und dem Dynastien-Wechsel fiel die Familie jedoch in Ungnade und musste ihren Besitz verkaufen.

Lu Xixiong war der neue Besitzer. Er war belesen und besaß eine große Sammlung von Büchern und Kunstwerken, die er hütete wie einen Schatz. Lu ließ auf dem Anwesen einen Bibliothekskomplex mit über 100 Zimmern anlegen, von einer hohen Mauer umgeben. So entstand der Name „Geheime Bibliothek = Shu Yin Lou“.

Die Erben von Lu Xixiong verwalteten das Anwesen jedoch nicht gut und so wechselte das Haus erneut den Besitzer. Die Händlerfamilie Guo aus der Fujian Provinz verkaufte im Jahr 1881 ihre Handelsflotte, erwarb das Anwesen und verlegte ihre Geschäftstätigkeit auf den Immobilienbereich, indem sie die um Shu Yin Lou anliegenden Häuser kauften und vermieteten.

Guo Junlun wurde hier in der 5. Generation des Guo-Clans geboren und wohnte auch weiterhin mit seiner Familie in Shu Yin Lou. Der begabte Architekt und Restaurator war maßgeblich an dem Wiederaufbau des Yu Gardens im Jahr 1956 beteiligt.

Während der Kulturrevolution 1966-1067 wurde auch Shu Yin Lou stark beschädigt. Viele der architektonischen Verzierungen wurden zerstört, Möbelstücke und Papierrollen wurden gestohlen oder verbrannt, politische Slogans an die Gartenwände gepinselt. 

Guo Junlun versuchte jahrzehntelang das Haus vor Vandalismus und Verfall zu bewahren: In den 1990gerns, als neue Regelungen für die individuellen Besitztümer erlassen wurden, schaffte er es erfolgreich, alle Fabrikanlagen von dem Anwesen entfernen zu lassen und er bekam die Hoheit über das Anwesen zurück. Allerdings war es zur Ruine verkommen. 

Seither dämmerte Shu Yin Lou seinem Schicksal entgegen. 2001 zerstörte eine eingestürztes Baugerüst der anliegenden Fabrik den nordwestlichen Flügel des Anwesens und führte auch zu Rissen an der Außenmauer von Shu Yin Lou. 

Nach dem Tod von Guo Junlun im Jahr 2002 lebten seine Frau und Tochter gemeinsam in der ehemalige Ahnenhalle im Zentrum des Hauptgebäudes.  In regelmäßigen Abständen prüften Arbeiter der Distriktbehörde das Anwesen, inspizieren überhängende Verzierungen, entfernten baufällige Teile und bauten Stützvorrichtungen auf.  Der Verfall von Shu Yin Lou hat sich jedoch in den letzten 10 Jahren beschleunigt. Ganze Teile fielen in sich zusammen, teilweise brachen die Holzdecken ein. 

Ende Januar 2019, genehmigte die Distriktbehörde einen Plan, um ein großes Areal in der ehemaligen Chinesenstadt inklusive Shu Yin Lou neu zu entwickeln. Frau Guo , die das Anwesen in den letzten Jahren das Haus in der 6. Generation allein bewohnte und verwaltete, musste im Januar 2021 ausziehen und das Gebäude kann nun nicht mehr mehr besichtigt werden. Bleibt abzuwarten, was die Stadt daraus macht. Behalten wir seinen Zauber eines verwunschenen Ortes in guter Erinnerung.